FUERTEVENTURA
Erst glaubte ich an die „starken
Winde“ von Fuerteventura. Die fand ich aber auf dieser kanarischen Insel
kaum, am wenigsten im Süden bei Jandia Playa, dessen weiter
Sandstrand nach Afrika spät - vergebens, denn Afrika liegt unterm
Horizont der Meeresbläue. Die Winde atmeten wohl in die Segel der Katamarane,
aber gaben Brettseglern wie mir wenig Fahrt. Dann fand ich, daß „ventura“
nichts mit „viento“, dem Wind, zu tun hat, eher mit Glück oder Vorhaben.
Wer hat auf dieser vulkanischen Insel Glück gesucht?
Wer hat mit diesem 100 Kilometer langen, eher mageren, gelbbraunen Haufen von Steinen
etwas vorgehabt? Sie war die „Insel der Ziegen“, aus deren
Milch guter Käse entstand, das „weiße Gold“ der Insel! Die Ziegen gibt’s noch immer und der Käse ist immer noch gut – doch etwas
ganz anderes hat man auf der Insel nun vor, etwas Einträglicheres!
Von Porto Rosario fuhr ich mehr als
eine Stunde südwärts und staunte über die makellosen Straßen, Brücken und
Verteilerkreise, die sich über
die Steinwüsten hinzogen, ohne irgendwann oder irgendwo an Qualität zu
verlieren. Überall waren neue Straßen im Bau, kühne Brücken über
trockene Schluchten, neue Abzweigungen zu unsichtbaren Zielen oder nahen architektonisch hübschen Hotel- und Wohnhausbauten, die sich in
die steinerne Umgebung eingefügt und mit blühenden Parkanlagen umgeben
haben. Die Insel verkauft also ihr herrliches Klima, ihre Strände und ihr
sauberes Meer sonnenhungrigen Urlaubern aus dem mittleren und nördlichen
Europa. Vergessen ist die Ausfuhr des traditionellen „weißen Goldes“.
"Fleischfarbenes" wird eingeführt!
Außer Sonnenanbetern gibts
„Aktivurlauber“, gar nicht wenige; für sie ist das Angebot groß. Ich
nahm an einfachen Tennisturnieren zum gegenseitigen Kennenlernen teil. Partner
wurden ausgelost. Meine erwiesen sich als wohl geübt und erfahren. Das
brachte mich, den Gelegenheitsspieler, aus der Fassung und meine Mitspieler
zum Staunen. Einer meiner Bälle klopfte gar an ein Fenster im zweiten Stock
eines unweit gelegenen Gebäudes. Ein anderer hüpfte auf ein Dächlein und
stiftete Verwirrung am Nachbarplatz. Schließlich rieten mir meine Mitspieler,
das „Schnuppertennis“ für angehende Tennisspieler nicht zu versäumen;
der Vorschlag klang nicht einmal boshaft. Ein zweites Turnier mit anderen
Spielern endete zumindestens unentschieden, wohl dank meiner Partnerin. Obwohl
sie mich tröstete, daß ich nicht schlecht gespielt hätte, setzte ich meine
Bewertung auf der Tennisleiter so weit hinunter wie sonst niemand.
„Ist ja auch ein Blödsinn, hier in
der Hitze Tennis zu spielen,“ sagte der Tauchmeister, „viel besser ist es,
im Meer zu tauchen“. Ich stimmte ihm zu, vor allem weil ich vor ein paar
Monaten meinen Tauchschein gemacht hatte und Erfahrung gewinnen wollte. Er
nahm mich unter seine Fittiche und das war gut, denn ich hatte in kurzer
Zeit meine Sauerstoffflasche fast leer gesaugt. Dann hing ich an seinem
Ersatzmundstück. Beim nächsten Tauchgang bekam ich statt einer 10-kg-Flasche
eine mit 15 kg. Diesmal kümmerte sich die Assistentin des Tauchmeisters um
mich. Trotz der größeren Flasche mußte auch sie mich mit Luft versorgen und
vorzeitig mit mir aufsteigen. „Du bist ein Staubsauger,“ rügte sie mich,
„du mußt lernen, dich so wenig wie möglich zu bewegen.“
„Inline Skaten ist Gesundheitssport
Nummer eins!“ erklärte der Sportlehrer. „Der ganze Körper wird trainiert
und die Gelenke werden durch die gleitenden Bewegungen geschont. Das Meer hier
ist sicher nicht interessanter zum Tauchen als bei dir in Neuseeland, aber
unsere Anlagen zum Lernen von Skaten sind ausgezeichnet. Wenn du skaten
kannst, hast du eine ideale sommerliche Alternative zum Schifahren. Außerdem
ist es ähnlich dem Schlittschuhlaufen.“ Ich kann nicht schlittschuhlaufen,
aber ich kann mir die Ähnlichkeit vorstellen, die Temperaturen ausgenommen.
Nach einer Stunde Üben auf dem asphaltierten, umgitterten Backofen war ich
immer glitschnaß von Schweiß und ausgetrocknet wie eine Dörrpflaume.
Trotzdem gefiel es mir. Leider ereignete sich dann die Geschichte mit dem
Kamel.
Es gibt nicht nur Ziegen auf
Fuerteventura, sondern auch Kamele, auf denen Touristen in Gruppen reiten.
Doch da rast auf einmal dieses Kamel auf dem Strand daher, allein, mit einer
um Hilfe schreienden Frau. Sie hängt verkrallt im Sattel; der Zügel
schleift im Sand. Zwangsläufig stürze ich mich auf den Zügel, bekomme ihn
zu fassen, werde mitgerissen und spüre einen stechenden Schmerz in meiner
linken Schulter. Das Kamel ist stehen geblieben; die Frau rutscht erleichert
zu Boden. Ich aber liege mit einer ausgerenkten Schulter verkrümmt im Sand.
Ich nehme an, daß diese Geschichte
unglaubwürdig kling - und mit Recht. Die Beschreibung, wie meine Schulter wieder eingehängt
wurde, sollte man mir aber schon glauben. Es ist offenbar die übliche
Verfahrensweise. Ich wurde quer in einen Stuhl mit Rückenlehne und Armstützen
gesetzt; meine Beine hingen über eine Armstütze, auf der anderen hockte
ein gewichtiger Mann. Mein ausgerenkter Arm hing über die Rückenlehne. Der Arzt
legte sich längs auf den Boden und hantelte sich an
meinem Arm hoch. Dann stand er auf und strahlte: „Ich habe gewonnen
und du hast verloren!“
Ich hatte es satt, mit der Schlinge um
meinen Arm herumzugehen und immer wieder die Kamelgeschichte zu erzählen, die
mir ohnehin niemand glaubte. So hing ich die Schlinge in den Kasten und ging
tanzen. Das mag unvorsichtig scheinen, ist es aber nicht, wenn man die
temperamentlosen Bewegungen der Durchschnittstänzer nachahmt. Vielleicht
haben Diskotheken die Tanzschulen uninteressant gemacht. Man muß nichts
lernen. Man bewegt sich wie es einem einfällt. Man braucht nicht einmal einen
Partner, oder wenigstens keinen vom anderen Geschlecht. Die Erotik, das Spiel
mit dem Feuer der Heterosexualität ist verdörrt. Es
gibt keine feurigen Blicke, keine erotischen Funken, die überspringen, ohne
daß man sich berührt, oder vielleicht gerade, weil man sich nicht berührt,
kein „Sich-Verweigern“ oder „Einander-Hingeben“, keinen Gleichklang
der Bewegungen, der sich immer wieder zu Leidenschaft steigert. Wir könnten viel
von Lateinamerika lernen!
Ich habe vorsichtig am Strand Joga
gemacht. Ich bin am Strand in der Sonne gesessen und habe im Meer gebadet. Nun
sitze ich vor meinem Zimmer, höre den Vögeln zu und schaue auf Blumen und
wiegende Palmwedeln. Es ist ruhig. Überall geht es ordentlich zu. Die
Menschen aus Mitteleuropa begegnen einander mit Höflichkeit, die bis zu
Freundlichkeit reichen kann. Fast sehne ich mich nach ein bißchen
Unordnung, vielleicht einen Streit, einen Flirt, ein Fallenlassen von Masken,
mehr Herzlichkeit.
Bald werde ich Abschied nehmen.
Vielleicht gibt es einen Handschlag, ein Reichen der Hände über eine Kluft,
die mich von anderen trennt. „Tschüss!“ wird man sagen. Oder „Gute
Reise!“ Viele der Menschen, mit denen ich einige Zeit beisammen war, etwas
unternommen habe, oder vielleicht nur gegessen habe, werde ich nicht einmal
mehr sehen. Man ist aneinander vorbeigegangen - höflich. Das ist das neue Gold
von Fuerteventura. Einheimische habe ich nicht kennen gelernt.
©
Joe Paul 2004