Neuseeländisches
Wunderland
Inhaltsangabe:
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Faule
Eier, zu lange gelagerter Rettich, oder überkochte Fleischbrühe? Zuerst glaubt man an Einbildung, dann - kaum merklich - wird
es Geruchswahrnehmung. Jedesmal,
wenn ich über die bewaldete Hügelwelle südlich vor Rotorua komme, schleicht
sich das Phantom der unterirdischen Gase an, lange noch bevor ich in das
Landschaftsbecken der Stadt einsehen kann.
Der unvorbereitete Anreisende findet lange keine sichtbaren Zeichen der
Unterwelt, Zeichen, die bestätigen, was der Geruchssinn vorzugaukeln scheint. Da kommen dann die ersten Häuser und Gärten, Grünanlagen,
Hotels, links "Willkommen in Rotorua", rechts hinter Häusern und Zäunen
Dampf und - wenn man Glück hat -die Fontäne des Pohutu Geysirs.
Nicht
überall im Stadtgebiet riecht es gleich stark, doch kann es für einen Besucher
schwer sein, sich an den Geruch zu gewöhnen, besonders an warmen
Sommerabenden, wenn die Schlafzimmerfenster offen sind.
Neulich redete ich mit einer jungen Frau, die ihre Hochzeitsreise nach
Rotorua gemacht hatte. Sie bekam
dort solche Atembeschwerden, daß sie und ihr Mann nach einem Tag die Flucht
ergreifen mußten.
Dennoch
ist Rotorua als Anziehungspunkt für Touristen und Urlauber kaum zu übertreffen.
Was sich hier alles zusammendrängt: großartige Seen-, Hügel-, und
Waldlandschaften, Thermalbäder und geothermale Wunder, kristallklare Quellen
und kochende Schlammpfühle, Maorileben und -kultur, sportliche Tätigkeiten
oder angenehmes Faulenzen. Von
allem kann man wählen!
Diese
Sammlung von Schilderungen entstand vor etlichen Jahren nach meinem ersten
Besuch der Stadt und seiner Umgebung. Oft bin ich dann freudig wiedergekehrt.
Die Stadt ist inzwischen etwas moderner und lebendiger geworden. Es gibt mehr
Einrichtungen und Unterhaltungen für Touristen, mehr Andenkenläden, vor allem
mehr und gute Imbißstuben und Restaurants. Im Wesentlichen ist aber alles so
geblieben wie ich es anfangs erlebt habe.
Zurueck zu: Rotorua
Dreihundert
Meter über dem See von Rotorua konnte ich mit meiner Frau Clara bei Kerzenlicht
speisen - im "Aorangi Peak" Restaurant, auf dem Berg Ngongotaha.
Durch die Panoramafenster sahen wir hinunter auf den Halbmond der
funkelnden Lichter um die südliche Seehälfte.
Geradewegs über den See gegen Osten ahnten wir Hügel, Wälder und Seen,
verborgen im Dunkel zwischen den Lichtern der Stadt und denen des Sternhimmels.
Plötzlich
begannen unsere Gläser zu klirren, der Boden verlor die so vertraute Ruhe und
Festigkeit. Eiskalte Hilflosigkeit kroch durch unsere Glieder.
Die Stille jäher Ratlosigkeit legte sich über das Lokal.
Erdbeben!
So
oft habe ich sie hier in Neuseeland erlebt, fühle aber noch jedesmal den
Schrecken, den Ohnmacht angesichts unfaßbarer Naturgewalten vermittelt. Jedes Erdbeben scheint ähnlich zu beginnen und das Ende ist
immer ungewiß. Die Küstenlinie
von Wellington wurde im Jahre 1855, also bereits nach Beginn der europäischen
Besiedlung Neuseelands, zwei Meter hochgepreßt, so daß der heutige Lambton
"Kai" weit vom Meere liegt. Dem
Erdbeben, das diese drastische geologische Veränderung begleitete, wird die Stärke
8 (!) auf der Richterskala beigemessen und es wirkte sich nur deshalb nicht
katastrophal aus, weil Wellington damals nur aus wenigen Häuschen bestand.
Ärgere Folgen hatte das Erdbeben von Napier und Hastings an der Ostküste
der Nordinsel. Beide Städte wurden
am 3. Februar 1931 fast völlig zerstört und 256 Menschen starben in den
Ruinen. Dafür stiegen mehr als
3300 ha Land aus dem Meer.
Bevor
wir uns entschließen konnten, ob wir in Panik geraten sollten oder nicht, war
der Erdstoß verebbt. Die Zungen
der Speisegäste lösten sich wieder und das Stimmengewirr schwoll kurzfristig
an.
Am
Nachthimmel schob sich der Mond langsam hinter einer Wolkenbank hervor und sein
bleicher Schein ließ den Gupf der Insel Mokoia in der Mitte des Sees deutlich
aus dem bleiernen Wasser hervorstehen. Wir
gingen hinaus in den kühlen Nachtwind und lehnten aneinander.
"Dort
drüben führt Hongis Pfad durch die Wälder," sagte Clara leise.
Ein paar Wolkenfetzen flackerten über den Mond und Rufe der
einheimischen Eule, Morepork, hallten geisterhaft im Dickicht.
Da
hörte ich mit einem Male das schwere Atmen der braunen, halbnackten Krieger,
das Stampfen der Füße, das Brechen von Ästen und Schlagen von Laub gegen die
langen schweren Kanu, die Hongi Hika durch den Wald schleppen ließ. Es war das Jahr 1825 und Hongi lechzte nach Rache.
Einige Angehörige seines Stammes Ngapuhi waren von den Te Arawa Maori
scheinheilig zu einem Festessen eingeladen und dort niedergemetzelt worden.
Die Te Arawa erwarteten Hongis Kriegszug und zogen sich auf Mokoia zurück,
nachdem sie ihre Boote vom Seeufer entfernt hatten.
Ohne Zweifel fühlten sich die Te Arawa hier nicht nur sicher, sondern
waren auch schadenfroh. Hongis
Krieger möchten nur zu ihnen geschwommen kommen!
Hongi,
der die Bay of Plenty entlang gesegelt war, nahm aber seine Boote an einer
geeigneten Stelle landeinwärts und erreichte über die Seen Rotoehu und Rotoiti
schließlich den Rotorua See. Im
Schutze von Morgennebeln griff er die Insel an und nur eine Schar Möwen warnte
die Verteidiger. Dann schrien die Möwen
ohne Unterlaß, während sie die Szene des Gemetzels umkreisten und es heißt,
daß sie die Seelen der Gefallenen nach und nach in sich aufnahmen. Noch heute sind die Vögel "tapu", heilig.
Der berühmteste Abschnitt von Hongis Kriegspfad liegt zwischen Rotoehu
und Rotoiti und heißt noch immer "Hongis Pfad", obwohl er nun eine
Asphaltstraße ist, die durch hohen dichten Wald führt.
Die
Te Arawa waren bereits im 14. Jahrhundert in der Bay of Plenty gelandet und
hatten von dort das Landesinnere erforscht.
Doch mußten sie einen anderen Weg als Hongi Hika genommen haben, denn für
sie war "Rotorua" nur der "Zweite See", in wörtlicher Übersetzung.
Zurueck zu: Rotorua
Wie
die schräg stehende Sonne die geschnitzte Giebelfratze auf dem Versammlungshaus
lebendig machte! Das rote Holz glühte
von innen, das offene Maul drohte, die weiß umrandeten Augen glotzten.
Auf dem Haupt stand eine keulenschwingende Kriegerfigur und die dicht mit
Schnitzereien geschmückten Giebelbretter senkten sich wie Arme, als wollten sie
das Gebäude umfassen und damit die in ihm eingeschnitzte und eingeflochtene
Stammesgeschichte.
Ich
stand auf dem „Marae“, dem großen Platz vor dem Versammlungshaus und
schaute auf die malerisch zusammengewürfelten Häuschen rundum, zwischen denen
es an vielen Stellen kochte und dampfte. Ein
Frau hatte ein Bündel, das wahrscheinlich Essen enthielt, an einem Strick
befestigt und senkte es in ein Loch im Boden, in dem Wasser kochte. Spielerische Touristen warfen von einem Steg Münzen, damit
braune Maoribuben um diese im Bach tauchen konnten.
Vor
Jahrhunderten schon hatten die Te Arawa hier warme Quellen zum Baden, heiße zum
Kochen und kostenlose Beheizung für ihre Häuser gefunden; diese errichteten
sie an Stellen, wo der Boden warm war. Im
Wesentlichen haben die Einwohner von Rotorua an dieser Tradition bis heute
festgehalten. Alle Hotels, Motels
und viele Privathäuser haben ihre eigenen heißen Bäder und heizen mit
geothermischem Dampf. Industriell
wird dieser in Holzöfen, in Entfettungsprozessen, zur Dampfreinigung von
Motoren und zum Reifen von Früchten in Glashäusern verwendet. Das Geschenk der Unterwelt ist allerdings nicht ohne
Nachteile.
Ich
machte einige Schritte rückwärts, um eine gute Stelle zum Photographieren des
Versammlungshauses zu finden. Da spürte
ich auf einmal sengende Hitze durch meine Sandalen dringen.
Zufällig war ich auf eine dampfende Erdspalte getreten.
Ein alter Maori, der mich beobachtet hatte, schmunzelte: "Heiß,
eh?"
"Macht
nichts," lachte ich, "mir gefällt's hier".
Der
alte Mann wiegte den Kopf: "Zum Anschauen ist es schöner als zum Wohnen.
Es ist sehr teuer, unsere Gebäude und Straßen instand zu halten.
Metall wird schnell zerfressen und stinkende Gase steigen nicht nur aus
Erdspalten, sondern auch aus Abflußrohren.
Auf unseren Friedhöfen liegen die Gräber ober der Erde.
Und was glauben Sie, am Golfplatz müssen die Spieler achtgeben, um nicht
in kochende Schlammpfützen zu treten!"
So
nahe ist man hier dem Erdinneren. Nur
eine dünne Kruste überdeckt die vulkanischen Kräfte und kann jederzeit
aufplatzen. Die letzte Katastrophe
ereignete sich vor 100 Jahren, als ohne Warnung der "erloschene"
Tarawera explodierte und in weitem Umkreise die Umgebung zerstörte.
Drei Maoridörfer wurden verschüttet und die berühmten Rosaroten und
Weißen Terrassen verschwanden für immer.
Eine Ahnung von dem Geschehen kann man
im Buried Village, dem "Begrabenen Dorf", bekommen, das
teilweise ausgegraben als Park am Ufer des Tarawerasees liegt.
Heißes
Wasser und Dampf scheint es hier in Hülle und Fülle zu geben, weil man nur in
den Boden hineinzubohren braucht. Doch
sind bereits etliche heiße Quellen und Schlammpfühle ausgetrocknet, manche
Geysire verstummt und manche sind unregelmäßig, "unverläßlich"
geworden. Die unterirdischen
Wasservorräte sind nicht unbeschränkt, die geothermische Dampfmaschine ist
nicht unzerstörbar und die Einwohner von Rotorua bangen um die Zukunft der
Geysirebene von Whakarewarewa, die dem hier lebenden Maoristamm gehört und von
ihm verwaltet wird.
Ich
bezahlte meine Eintrittsgebühr und wanderte hinauf auf die weißgraue
Silikatterrasse, wo auf einer Fläche von etwa einem Hektar heißes Wasser,
kochender Schlamm und gespannter Dampf die Erde aufgerissen haben.
Rotorua liegt in der "Taupo Vulkanzone", dem aktivsten
geothermischen Gebiet Neuseelands. Was
die Terrassen von Whakarewarewa so anziehend macht, ist der Gegensatz von
dunkelgrüner kurzwüchsiger Vegetation und geothermaler Tätigkeit.
Es
qualmt aus dem Gebüsch, grauweiße Hügel speien heißes Wasser, Erdspalten
schnauben Wasserdampf, ein Bach, derselbe, aus dem weiter unten die Buben Münzen
fischen, fließt hier zwischen bebuschten, da zwischen kahlen weißgrauen Ufern
und dampft dort, wo er heiße Rinnsale in sich aufnimmt.
Aus einem Schlammpfuhl schnalzen Pfropfen weißbraunen Schlammes wie eine
Schar Frösche, die herausspringen wollen, aber in den feinen Brei zurückplumpsen.
Viele
heiße Quellen entstehen wahrscheinlich, wenn versickerndes Regenwasser auf heißes
Gestein trifft und zur Erdoberfläche emporsiedet.
Doch kann geschmolzenes Gestein beim Abkühlen und Erstarren auch
Wasserdampf und andere Gase einfangen und so lange aufheizen und
zusammenpressen, bis sie aus der Erde herausgezwungen werden.
Im vormaligen Kurpark von Rotorua, den Government Gardens, gibt es
Quellen, deren Wasser unter Druck bis zu 200°C erreicht.
Geysire
werden tätig, wenn eine unterirdische Wassersäule bis über den Siedepunkt
erhitzt wird, den auf ihr lastenden Druck überkommt und explosiv verdampft. Der entstandene Dampf schleudert dann alles Wasser aus, das
seinen Weg zur Oberfläche versperrt. Niedriger
Barometerdruck fördert daher die Geysirtätigkeit.
Da
stand ich dann vor dem Becken des Pohutu Geysirs, dem größten und bekanntesten
natürlichen Springbrunnen und wartete. Ich
hatte Glück. Er keuchte und
hustete und stieß schließlich eine vielleicht 30 m hohe Fontäne aus, die in
dem Gewölk des Himmels zu verschwinden schien und eine weite Fahne von heißen
dampfendem Wasser quer über den Pfad legte.
Die Wassersäule mit der Fahne hob und senkte sich unregelmäßig, fast
spielerisch und das Schauspiel dauerte einige Minuten.
Wie lange, weiß ich nicht. Ich
stand selbstvergessen und schaute, schaute bis das Wasserspiel zusammenbrach und
wie ein Phantom verschwand.
Zurueck zu: Rotorua
Rotorua
entwickelte sich zeitig zu einem Kurort europäischen Musters, weil die
Heilwirkung seines Thermalwassers schon bald nach Beginn der europäischen
Besiedlung gepriesen wurde. Im
vormaligen Kurpark steht noch immer das schöne alte Badegebäude, die Tudor
Towers, die Tudortürme. Gebaut
1906 - 1907 im Stil, dessen Namen sie tragen, sollten sie die Eleganz eines
europäischen Modekurortes wiedergeben. Doch
sind diese Zeiten vorbei. Jetzt
enthält das Gebäude eine Gemäldegalerie, eine ausgezeichnete Ausstellung
einheimischer Maorikunst und -geschichte, Andenken aus der Pionierzeit und ein
Restaurant. Besondere Anziehungskraft haben Filmvorführungen der geothermalen
Grundlage von Rotorua, sowohl aus Maori wie auch europäischer Sicht. Dabei gibt
es für die Zuschauer eine Überraschung, die ich nicht verraten darf.
"Auch
der ehemalige Badebetrieb wird gezeigt," drängte Clara, "den müssen
wir uns unbedingt anschauen." Diese
Ausstellung versetzte uns um Jahrzehnte zurück. Patienten saßen in Thermalwasserwannen, wurden in heißen
Schlamm gepackt, massiert und mit elektrischem Strom behandelt.
Diese Methoden werden heute als überholt, die Hilfsmittel als veraltet
betrachtet. Bereits um die Mitte
dieses Jahrhunderts verlagerten sich alle Heiltätigkeiten, oder was von ihnen
noch ausgeübt wurde, ins nahe Queen Elizabeth Spital.
Eben
dort zeigte ich eines Morgens meine Zuweisung zur Behandlung einer akuten
Kniegelenksentzündung der Oberschwester, einer Matrone mit zusammengekniffenen
Lippen. Sie glich ihrer Doppelgängerin
in einer damals bei uns beliebten Fernsehserie so sehr, daß ich nicht sicher
war, wer wen imitierte. Sie wollte
wissen, warum ich nicht einfach in meinem Wohnort Wellington Physiotherapie
gehabt hätte.
"Ich
bin hergekommen, weil Sie zusätzlich die Heilwirkung der Thermalquellen zur
Verfügung haben," betonte ich und verschwieg, daß der Arzt in Wellington
den Ausflug nach Rotorua auch unnötig gefunden hatte.
In
ihrem weiteren Verhör wollte die Oberschwester unbedingt herausfinden, welche Tätigkeiten
dazu führten, daß ich "nachts vor Knieschmerzen nicht schlafen könnte"
und ich mußte gestehen, daß mir beim Schlafen die Knie eigentlich nie weh täten.
Damit war es aus mit den von mir angestrebten heißen Bädern und allem
Drum und Dran. Ich wurde einer bebrillten Physiotherapeutin übergeben, die
mit mir herumkommandierte wie ein Dragoner, humorlos und ohne sich ein Lächeln
zu vergeben. Dieses junge Mädchen
würde offenbar keine jahrzehntelange Erfahrung brauchen, um das Handwerk einer
Oberschwester zu erlernen.
"Wir
verwenden Thermalwasser nur deshalb, weil wir es nicht erhitzen müssen, nicht
aber wegen der gelösten Gase und Mineralien", erklärte sie mir
kurzangebunden. "Sie bekommen
jetzt von mir ein Gymnastikprogramm, daß Sie täglich zuhause durcharbeiten müssen.
Während der nächsten Woche kommen Sie jeden Morgen um 7h30 ins Spital
und zeigen mir, wie Sie die Übungen machen.
Nach der Gymnastik laufen Sie rund um den Park, zwei Kilometer.
Anschließend bekommen Sie, wie Sie es sich wünschen,
Schlammpackungen."
In
der Schlammabteilung legte ich mich erwartungsvoll auf eine der Liegen und
blinzelte neugierig auf die Wannen und Duschkabinen, die alle betagt aussahen
und offenbar nie benutzt wurden. Der
Pfleger wickelte Schlammpakete in mehrere Lagen Handtücher und legte sie den
Patienten auf verschiedene Körperteile, mir auf meine Knie.
"Kommt
denn niemand in direkten Kontakt mit dem Thermalschlamm?" fragte ich
erstaunt.
"Wir
verwenden den Schlamm nur wegen seiner Temperatur."
"Und
was halten Sie vom Thermalwasser?"
"Sie
können genausogut jemanden auf ihre Knie pissen lassen," lachte er mich fröhlich
an.
Man
hat hierzulande also den Glauben an die Heilwirkung von Thermalschlamm und
-wasser praktisch aufgegeben. Doch
wird moderner Bewegungstherapie große Bedeutung zugemessen und das Spital ist
mit einem Turnsaal, Schwimmbecken und einer weiten Rasenfläche gut ausgerüstet.
Die
meisten Besucher von Rotorua baden nur zum Vergnügen und zur Erholung. Dazu dienen die Polynesischen Bäder am Rande des ehemaligen
Kurparks. Das größte Becken ist
den Rändern entlang überdacht und die Wassertemperatur liegt meistens um 38 -
39°C. Bei dieser Temperatur kann
man gerade ein paar Längen hin und her schwimmen, bevor man ermattet auf einer
Stufe eine Ruhestellung zum aufweichenden Dösen einnimmt.
Heißer
sind die Bäder, die im Freien in einer Holzterrasse in zwei Gruppen zu je vier
Becken versenkt sind. Von der
Terrasse übersieht man einen malerischen dampfenden Winkel des Rotorua Sees.
In diesen Becken trafen wir Leute, die die Heilwirkung des Wassers schätzten:
alternde Emigranten aus Europa. Neben
ihnen saßen junge Weltreisende, die miteinander wetteiferten, welche
Temperaturen sie aushalten könnten und Einheimische, die den Tag mit einem
entspannenden Bad beenden wollten.
Auf
Holzstiegen steigt man hinunter zum Wasser, das so milchig ist, daß es die Bänke
verhüllt, die unterhalb der Wasseroberfläche entlang der hölzernen Wände
angebracht sind. Der Boden besteht aus grobkörnigem Sand. Gase perlen zur
Wasseroberfläche und die Temperatur der Bäder steigt manchmal so sehr, daß überheiße
Becken gesperrt werden müssen.
Wir
waren etwas von der Frühjahrssonne aufgezogen und spürten unsere Muskeln von
einem längeren Marsch. Also
kletterten wir ins Radium Pool, das eine allgemein stimulierende Wirkung hat und
Nervenschwäche, funktionelle Störungen und auch rheumatische Erkrankungen
lindern soll. Dann wechselten wir,
meiner Knie zuliebe, ins Old Priest Bath, das bei allen arthritischen
Krankheiten, einschließlich Gicht, und bei Krankheiten des Nervensystems helfen
soll. Es ist nach einem Pater
Mahoney benannt, der bereits 1878 regelmäßig hierher kam, um seinen
Rheumatismus zu heilen.
Die
Polynesischen Bäder machen Rotorua zu einem Allwetterferienort. Wenn es kühl und regnerisch ist, kann man dort genau so schön
baden wie an einem sonnigen Tag. Ebenso
wenn die Sonne untergegangen ist, wie bei unserem Besuch an jenem Abend.
Wir lagen halb zurückgelehnt im Wasser und schauten hinauf zu den
funkelnden Sternen.
Zurueck zu: Rotorua
Der
Maori saß auf dem Felsen und lachte. Lauthals.
Schallend. Sein ergrauendes
Haar hob sich gegen den blauen Himmel ab und seine Schultern zuckten über eine
Landspitze, die im Hintergrund in den See hineinstach.
Dieser dehnte sich in seiner Frische zwischen bewaldeten Hügeln und das
Frühsommerlicht fächelte zusammen mit der leichten Brise übers Wasser.
Da stand ich, an jenem Wochentagsmorgen und schaute den Mann vor mir
verwundert an. Der Name des Sees,
Okataina, bedeutet nämlich "Stelle des Lachens" und soll auf einen Häuptling
zurückgehen, dessen Pa, dessen Wehrdorf, auf Te Koutu stand.
Te Koutu war die Landspitze im Hintergrund.
Ein
Pfad entlang des Seeostufers führt an ihr vorbei; also liefen wir dorthin.
Der Wald ist hoch und alt und der Pfad führt auf und ab.
An manchen Stellen sahen wir zu grauweißen Sandstränden hinunter.
Aus Baumwipfeln hallten Vogelrufe, eine bunte einheimische Taube
flatterte schwerfällig über den Weg, aufgestört.
Der Waldrand am gegenüberliegenden Seeufer war still und bewegungslos.
Nur eine Straße führt zum See, zu seinem Nordufer, wo eine Herberge
steht. Am Wochenende fahren leider
Motorboote auf dem See, doch wochentags kann es ganz still sein.
Wir
blieben atemlos stehen: ein hundegroßes Tier brach durch die Büsche und hielt
unerwartet an. Wir schlichen uns
vorwärts. Da federte es sich ab
von seinem starken Schwanz und seinen Hinterpfoten, braun, mit aufgestellten
Ohren. Wir wollten unseren Augen
nicht trauen: ein australisches Känguruh im neuseeländischen Busch? Später lasen war, daß sich hier Wallaby eingebürgert
haben, kleinere Verwandte der Känguruh.
Nur
ein niedriger Kamm verbindet Te Koutu mit dem Seeufer; deshalb war die Halbinsel
auch gut zu verteidigen. Ein
weiter, von niedrigen Nadelbäumen, den Manuka, bewachsener Strand senkt sich
vom Rückgrad der Halbinsel aus sachte in das zum Trinken saubere Wasser.
Über die Jahrhunderte hat sich der Seespiegel immer wieder verändert,
oft drastisch nach einem Erdbeben oder vulkanischer Tätigkeit.
Jetzt liegt er 10 m höher als vor hundert Jahren.
Der See hat keinen Abfluß. Sein
Wasser soll in den benachbarten Tarawera See absickern.
Clara
und ich liefen zum Strand hinunter. Das
Seenordende war hinter dem bewaldeten Kamm verschwunden. Vor uns streckte und krümmte
sich der See nach Süden, den Wald widerspiegelnd, einsam, verlassen.
Wir zogen uns ganz aus und wateten ins Wasser; es war kalt!
Doch war uns durchs Wandern so heiß geworden, daß wir einander
anspritzten und untertauchten. Dann
liefen wir prustend in den Manuka-hain und streckten uns in der Sonne aus.
Wir waren fast eingedöst, da wurden wir plötzlich auf Schritte aufmerksam. Schon wollten wir uns mit unseren Handtüchern zudecken, da sahen wir einen Burschen und ein Mädchen zum See laufen. Sie hatten uns nicht bemerkt. So wie wir freuten sie sich, zogen sich die Kleider vom Leib und sprangen ins Wasser, lachend, fauchend, einander untertauchend. Das Wasser floß aus ihren Haaren und perlte sonnenfunkelnd von der gebräunten Haut.
Zurueck zu: Rotorua
Wie
überall gibt es auch in Neuseeland Menschen, die Sonne, Luft und Wasser möglichst
unbekleidet genießen wollen. Da
diese Neigung bei der Mehrzahl bekleidungsfreudigerer Personen manchmal
Verlegenheit, Spott, Entrüstung, mindestens aber merkbares Interesse auslösen
kann, schließen sich Anhänger der nackten Haut in den sogenannten Sun Clubs,
den Sonnenklubs, zusammen. Diese
befinden sich meistens in respektvoller Entfernung von der zivilisierten
Menschheit.
Clara
und ich fanden es zuerst nicht ungewöhnlich, daß der Rotorua Sun Club
malerisch im hügeligen Farmland hinter Ngongotaha, dem Hausberg von Rotorua,
eingebettet sein sollte. Wir kamen
dort zu einem mit hohen Gitterzäunen umgebenen Gehege, das am Waldrand lag und
von einem Bach durchfloßen wurde. Es
war aber eine Rotwildfarm. Darnach
ging die schon vorher schlechte Sandstraße in einen Karrenweg über. Als dieser für unser mühsam holperndes Auto immer
zerfurchter und enger wurde, kamen uns Zweifel.
So begeistert waren die hiesigen Klubmitglieder sicher nicht, daß sie
hier öfters fahren oder gar den langen Weg gehen wollten.
Wohin
wendet man sich in Neuseeland, wenn man Rat braucht?
An
das Citizens Advice Bureau. Eine solche "Bürgerberatungsstelle"
gibt es auch in Rotorua.
"Der
Sun Club, das sind die Nudisten, nicht wahr?"
fragte mich die ältere freundliche Dame dort so laut, daß alle Leute
mich anschauten. Als ich das Clara
nachher erzählte, war sie froh, nicht mit hineingegangen zu sein.
Ich aber bekam von der hilfsbereiten Frau nach etlichem Suchen einige nützliche
Telephonnummern und Adressen.
Die
junge und freundliche Vorsitzende des hiesigen Klubs brachte uns die Schlüssel
für Klubgelände und Klubhaus in unser Motel und zeichnete uns eine genaue
Lageskizze. Der persönliche Besuch
war jedoch nicht nur bloße Freundlichkeit.
Die Klubs wollen wissen, wem sie Gastfreundschaft gewähren.
Unter der Woche und außerhalb der warmen Jahreszeit können die Gelände
verlassen und alle Einrichtungen wie Klubhaus mit Küche, Duschen,
Wasserversorgung, Schwimmbecken, Garten- und Sportanlagen der Willkür der
Besucher ausgeliefert sein. Neben
allen Annehmlichkeiten und der Möglichkeit, billig zu Kampieren, haben die
Klubgelände auch den Vorteil, sehr schön gelegen zu sein.
Die Einheimischen haben ja auch die nötige Lokalkenntnis.
Von
der Straße zum geothermalen Gelände Orakei Korako zweigt eine Nebenstraße, Te
Kopia, ab. In dem hügeligen Gelände von Wäldern und Weiden ist sie leicht zu
übersehen. Unter dem Wegweiser fanden wir ein mysteriöses Schildchen mit den
Buchstaben "RoToTa". Die
Bezeichnung ist kein Maoriwort, sondern setzt sich aus den Ortsnamen Rotorua,
Tokoroa, Taupo zusammen und ist der Name des Sun Clubs, den Leute dieser drei
Ortschaften gegründet haben.
Die
Te Kopia Straße war eine Sandstraße, von der eine weitere Abzweigung durch Föhrenwald
führte. Seit unserem ersten Besuch
in dieser Gegend ist ein Teil der Straße asphaltiert und viel Wald abgeholzt
worden. Das Klubgelände liegt auf
einer Anhöhe, die den Ohakuri See überblickt.
Der Waikato Fluß ist hier über eine Strecke von mehreren Kilometern
aufgestaut worden und hat manche heiße Quellen und Fumarolen ertränkt.
Die bewaldeten Anhöhen um den See erinnern an eine Gegend der österreichischen
Voralpen.
Das
Klubhaus lag am Seende einer leichten Senke, die von Blumen und Sträuchern
umgeben war. Einheimischer
Mischwald stieg hinauf zu einer höher gelegenen Rasenfläche; von dort sahen
wir am gegenüberliegenden Ufer die Fähre, die Besucher nach Orakei Korako
bringt. Ein schmales, tiefes Tälchen,
in dem Farnbäume wuchsen, führte hinunter zum Badeplatz am See.
Es war niemand hier und es war still.
Nur der Wind rauschte durch die Baumwipfel und brachte uns den Duft von
Wald und Wiese.
Über
dem Frieden der Landschaft darf man die Gewalten der Unterwelt nicht vergessen.
Im benachbarten Orakei Korako verschleudern Geysire ihre Wasserfontänen,
brodelt es in naturgeformten Kesseln, wechseln erstarrte Kaskaden thermalen
Wassers, sogenannte Silikatterrassen, ihre Farbtönung mit den
Wetterbedingungen. Am Badeplatz von
RoToTa erinnern Rinnsale heißen Wassers an diese unterirdischen Kräfte.
Der Klub pumpt dieses Wasser dort in eine große runde Betonwanne zum
Baden. Wer aber zehn Minuten Gehen
nicht scheut, kann in einem Thermalbach baden.
Zurueck zu: Rotorua
Der
Wasserfall rauschte von Weitem durch harzduftende Föhren.
Der Pfad führte zu dem Bach unweit der Stelle, wo dieser zwischen
Steinblöcken verschwand und dampfend in eine Miniaturschlucht hineinstürzte.
Unterhalb dieser Stelle kletterte ich in das klare Wasser.
Es war warm! Als ich
bachaufwärts watete, durchleuchtete die Sonne Farnwedel und Äste, die sich von
beiden Seiten über dem Wasserlauf berührten.
Dann wurde es dunkel, als ich mich zwischen bemoosten Wänden durchzwängte.
Ich schob meinen Kopf um eine Ecke und ein dampfender Sprühregen kam mir
entgegen: unmittelbar vor mir stürzte eine drei Meter hohe Wasserkaskade über
ausgewaschene Steinformen!
Dort
wo der Pfad zum Wasser führte, war der Bach tief genug zum Baden. Ich legte mich der Länge nach ins Wasser, stützte mich auf
meine Ellbogen und spürte das Wasser warm und weich um meinen Körper spülen.
Ich rückte mich zurecht. Da
fühlte ich plötzlich mehrere rundliche Dinge aus der Tiefe aufsteigen. Sie
stießen an mich an und glitten meinem Körper entlang. Voll Grausen sprang ich
auf und starrte in die Fluten, die ich mit aufgewirbeltem Sand getrübt hatte,
mußte aber sofort lachen. Ich
hatte Bimssteine losgelöst und sie hatten im Wasser, ihrer geringen Dichte
wegen, zu schweben begonnen. Wie
Aale oder kleine Fische hatten sie sich benommen.
Zurueck zu: Rotorua
Still
war's, lau im Schatten, sehr warm in der Sonne, und die aromatischen Dünste von
Wald und Wiese veränderten sich
mit den Strömungen des leichten Windes.
Da näherte sich Motorengeräusch. Nicht
regelmässig sondern stoßweise, wie wenn das Fahrzeug zornig Hindernisse des
Geländes überwinden wollte. Das
Gelände des Sonnenklubs ist mit einer Barriere abgesperrt.
Dort war der Motor für kurze Zeit still; dann heulte er wieder auf. Schade! Unter
uns dehnt sich die stille Wasserflache des Ohakuri Sees zwischen waldigen Ufern.
Es wäre schön, das Alleinsein, die landschaftliche Ruhe weiter zu genießen.
Aber, "vielleicht ist es ein gleichgesinntes, sympathisches Paar -
zu unserer Gesellschaft?"
Da
sehen wir das Auto schon über die Bodenwellen tanzen, ruckartig, nervös wie
ein scheuendes Pferd. Es wechselt
ein paar Male die Richtung, als ob es den Weg verloren hätte, fährt hin und
zurück. Da öffnet sich die Wagentüre,
eine dunkle Frau springt, nein, stürzt heraus.
Ich erschrecke; sie ist wirklich gefallen, rollt auf dem Gras wie um eine
Achse.
Doch
ist ihr nichts geschehen; sie richtet sich auf und entfernt sich, sowohl von uns
wie von ihrem Fahrzeuglenker, dessen weißes, verzerrtes Gesicht wir für einen
Augenblick gesehen haben. Wir hören
die dunkle Frau schluchzen, doch schließen wir noch nicht Bekanntschaft mit den
Neuangekommenen. Ein Kopfnicken,
ein paar abgehackte Laute aus der Kehle des Mannes. Dann sind wir allein.
Später
gehe ich wieder den Pfad zum thermalen Bach, um zu baden. Als ich zur Badestelle hinunterschaue, sehe ich den Mann und
die Frau aneinandergeschmiegt im Wasser liegen.
Sie sind jung, er Europäer, sie Maori.
Das Wasser rieselt über ihre nackten, wohlgeformten Körper.
Sie sprechen miteinander, doch übertönt das Rauschen des Wassers ihre
Worte so wie es meine Schritte verborgen hat.
Der Friede der wunderbaren Umgebung hat Streit und Zorn ausgelöscht.
Langsam wandere ich zurück, zufrieden, entspannt, ohne ein Bad genommen
zu haben.
Zurueck zu: Rotorua
Liebe
siegt über alle Schwierigkeiten; sie verleiht Kraft, scheinbar Unmögliches zu
bewältigen. Leander der
griechischen Mythologie kommt um bei seinem nächtlichen Überschwimmen des
Hellesponts. Die analoge Legende bei den Antipoden im Maori Land hat ein gutes
Ende.
Mitten
im Rotorua See liegt die Insel Mokoia. Dort
lebte vor vielen Jahren der Häuptlingsohn Tutanekai, der sich bei einem Besuch
des Nachbarstammes am gegenüberliegenden Seeufer in die schöne Tochter des
dortigen Häuptlings verliebte. Mädchen
so hoher Herkunft waren unter strenger Aufsicht.
Doch gefiel Hinemoa, der Häuptlingstochter, der junge Fremde und es
ergab sich die Gelegenheit zu einer Verabredung. Hinemoa würde versuchen, in der Nacht ein Boot zu stehlen
und Tutanekai würde auf Mokoia seine Flöte spielen, damit seine Geliebte den
Weg über den dunklen See finden könnte.
Mehrere
Nächte hindurch spielte Tutanekai seine Flöte, doch die Sippe Hinemoas ahnte
das Vorhaben der Verliebten und entfernte jeden Abend alle Boote vom Seeufer.
Da band schließlich in ihrer Verzweiflung Hinemoa mehrere Tongefäße
zusammen und um ihren Körper und schwamm hinaus in die Nacht, dem Klang der Flöte
nach. Das Wasser war kalt und
Wellen und Finsternis verbargen das Ziel. Wenn
der Wind seine Richtung änderte und damit die schwachen Flötenklänge
verschwanden, faßte Hinemoa panisches Entsetzen.
Was wollte sie tun, wenn Tutanekai die Hoffnung auf ihr Kommen aufgeben
und sein Spielen einstellen sollte?
Erschöpft
und ausgefroren aber erleichtert erreichte Hinemoa endlich die Insel und wärmte
sich in einer heißen Quelle. Das
Bad belebte sie so sehr, daß sie mit Vergnügen Tutanekais Diener zum Narren
hielt, bis dieser seinen Herren zur Hilfe holte.
Selig umarmten sich die Liebenden.
Auf
Mokoia zeigt man den Besuchern immer Hinemoas Quelle als Wahrheitsbeweis dieser
Geschichte und in Rotorua ist eine Straße nach Tutanekai benannt und eine nach
Hinemoa.
Zurueck zu: Rotorua
Ich
brachte unser Auto mit einem Knirschen auf der Sandstraße zum Stehen und unsere
eigene Staubfahne rollte über uns weg.
Clara
deutete auf die Landkarte: "Hier war, glaube ich, der alte Unterstand, bei
dem wir die Hauptstraße verlassen haben. Wir
sind schon am Bauernhaus vorbei, links abgebogen; da war die Viehbarriere und da
sind wir in den ‚Rennweg’ eingebogen, dann haben wir uns rechts gehalten.
Jetzt müßten wir bald in den ‚Steinbruchweg’ einbiegen."
"Das
muß schon hier sein," antwortete ich und zeigte freudig auf eine
Hinweistafel mit der Aufschrift 'UNGEEIGNET FÜR FAHRZEUGE'.
Das war ein Teil der Anweisungen, die uns die Stimme am Telephon diktiert
hatte. Wir bogen ab und holperten
vorsichtig weiter, bis wir auf einem steilen Hügel im Sand steckenblieben.
"Reg
dich nicht auf!" beschwor ich meine treue langjährige Begleiterin, die mir nach ein paar mißglückten
motorisierten Geländeabenteuern nicht mehr ganz traut.
"Reg dich nicht auf; wir haben nur einen zu langsamen Start
gehabt." Ich ließ das Auto im
Sand zurückschwimmen, wobei Clara neben mir zu schwitzen begann.
Mit murrendem Motor nahm ich einen neuen Anlauf und diesmal schwänzelte
das Auto bis zur Kuppe hinauf. Dann
fuhr ich auf einer Karrenspur in einer Wiese weiter.
Bald hielten wir vor einem Gatter, von dem aus eine weitere Karrenspur
zum See führen sollte.
Schwarze
Schwäne glitten um Wasserblumen in Ufernähe auf der glatten Oberfläche der
Seebucht. Ruhig streckte sich
dieser Teil des Sees zwischen hügeligen pastoralen Ufern. Aus dem Föhrenwald hinter uns kam Harzgeruch.
Das Gras der ebenen Rasenfläche brach jäh ab zum weißgrauen Strand,
dessem Gestein heiße Rinnsale verschiedene Tönungen von braun und grün gaben.
Paradiesischer Frieden schien jegliche geistige oder körperliche
Spannung aufzusaugen, wie in einer Meditationsübung.
Einige
Familien von Rotorua, denen das Entspannen und Sonnen auf RoToTa zu weit war,
hatten hier auf dem Land eines befreundeten Farmers eine Ausweiche gefunden, die
ebenso anziehend, wenn auch ohne die Einrichtungen von RoToTa war.
Allerdings hatte der Farmer etwas landeinwärts das warme Wasser eines
Baches in ein rundes Betonbecken geleitet und dieses mit Farnbaumstämmen umzäunt
.
Ich
war allein in diesem schönen Sitzbad zurückgeblieben.
Als Clara aber nicht zurückkehrte, lief ich sie suchen.
Ich sah eine vom Regen ausgewaschene Rinne einen buschbestandenen Höhenzug
hinaufführen. Dort rief ich und
lauschte. Keine Antwort - außer
dem Flüstern der Zweige und Vogelrufen. Aus
der Ferne blökte eine Schaf. Ich
stieg den Berg hinauf, hörte Wasser rauschen, näherte mich dem Knie des
Baches, fand aber keinen Zugang zu ihm. Wieder
rief ich, wieder und wieder, kletterte und rutschte, zog mich an Zweigen hinauf,
zerkratzte meine Haut. Clara konnte
doch nicht so weit weg sein! Hatte
sie sich verirrt? War ihr etwas
zugestoßen?
Mittlerweile
untersuchte Clara den Bach, dessen Wasser das Badebecken speiste.
Etwas bachaufwärts fand sie eine andere Badestelle aus Wellblech.
Diese wurde offenbar nicht mehr viel verwendet; Zweige, Föhrenzapfen und
andere Pflanzenteile hatten sich in dem Behälter angesammelt und steckten
teilweise in ganz feinem grauem Schlamm, der unter der Wasseroberfläche
lagerte. Er bestand wahrscheinlich
aus Lehmteilchen, denen zersetzte organische Stoffe die dunkle Farbe verliehen.
Der Wasserlauf bildete hier eine Ausbuchtung, in der sich ebenfalls
Schlamm ansammelte. Als Clara in
das Wasser stieg, versank sie erschrocken bis über die Knie, weil die
Feststoffe vom fließenden Wasser in Schwebe gehalten wurden, während sie
festen Grund vortäuschten.
Noch
weiter bachaufwärts, am wahrscheinlich ältesten Badeplatz, lag eine hölzerne
Wanne am Ufer versenkt. In ihr
aalte sich ein Mädchen. Als es
aufstand, umhüllte Schlamm seinen Körper wie ein Trikotanzug und es sah aus
wie auf Haiti eine Anhängerin des Wudukultes, die sich mit heiligem Morast
bekleidet hatte.
"Der
Schlamm fühlt sich angenehm wie Samt an," behauptete die nackte schwarze
Figur mit dem hellen Gesicht. "Wollen
Sie einen heißen Wasserfall anschauen? Dann
klettern Sie noch ein Stückchen weiter!"
Wie
aufgestapelte Watteballen fielen Silikatstufen mehrere Meter zwischen dichtem
Gebüsch den Hang herunter und über sie sprang heißes dampfendes Wasser, das
sich kristallklar in einer Folge von natürlichen Becken sammelte.
Über das größte von ihnen bückte sich gerade ein schlanker, muskulöser
Mann. Er hielt sich an der grobkörnigen
Umrandung fest und versuchte sich langsam in das Wasser zu knien, das hier viel
heißer war als unten in der Nähe des Fahrweges.
Die glatte, goldbraune Haut stand in starkem Gegensatz zu den erstarrten
weißgrauen Gesteinsformen und der Wasserdampf, der über der Szene schwebte,
verlieh ihr einen Hauch Traumhaftigkeit.
Zurueck zu: Rotorua
Fenton
Street, die Haupteinfahrtsstraße zum Zentrum von Rotorua, leuchtet am Abend in
vielen Neonfarben auf. Kilometerlang
reiht sich Motel an Motel, mit phantasievollen Namen, leuchtenden oder
beleuchteten Symbolen und fast unbescheidenen Ankündigungen aller Vorteile.
Ich lenkte unser Auto und blickte manchmal aus dem Augenwinkel Clara an.
Wie jung sie aussah, mit ihrem sonnengebräunten, ausgeruhten
Gesichtchen, den dunklen weichen Schultern und Armen, dem bunten Kleid.
Ihre Haare hatte sie sich leicht zurückgebunden und um den Hals trug sie
einen Anhänger aus dem schönen neuseeländischen 'Grünstein', einer Jadeart.
Der
Tag war sonnig gewesen, wir hatten viel gesehen und erlebt und es war etwas spät
geworden, um auswärts zu speisen. Die
meisten Restaurants schlossen damals bereits um 9h, doch fanden wir ein
sogenanntes „französisches Restaurant“, von einem mitteleuropäischen
Einwanderer geführt.
Als
wir von der Straße durch die grossen Fenster des kleinen Lokales
hineinschauten, sahen wir, daß nur ein einziger der wenigen Tische besetzt war.
Das stimmte mich bedenklich, denn Feinschmecker 'wählen mit den Beinen'.
Sie kehren nur dorthin zurück, wo es ihnen geschmeckt hat.
Wer in schlechte Lokale hineinfällt, das sind Ortsfremde.
Und wir fielen hinein! Anstelle
von Spezialitäten bekamen wir nicht einmal gute Hausmannskost, sondern
zerkochte und übersalzene Gerichte.
Clara
heiterte mich mit ihrem kristallklaren Lachen auf, legte ihre Hand auf meinen
Arm, blickte mir in die Augen und meinte: "Ich
freue mich, daß wir hier sind! Es ist gemütlich, an meinem Steak hat der Koch nicht viel
verpatzen können,und wir plaudern miteinander ohne uns ums Kochen oder
Geschirrwaschen kümmern zu müssen."
Darauf stießen wir fröhlich mit unseren Weingläsern an.
Unsere Kellnerin, eine Maorifrau, war außerdem so liebenswürdig und
warmherzig, daß ich es schließlich nicht übers Herz brachte, ihr zu sagen,
wie wenig uns das Essen geschmeckt hatte. Doch
wollte ich unbedingt wissen, wer denn der Koch sei, der solcher Pantscherei fähig
wäre und fragte sie ein bißchen aus.
"Ja,
der Chef... der ist oft woanders beschäftigt.
Aber ich bringe manchmal meine Tochter zum Mithelfen.
Der Chef muß ja nicht immer da sein, eh!
Nein, heute ist er auch fort. Na,
da kocht eben meine Tochter, sehen Sie?!"
Zurueck zu: Rotorua
Ja,
im Maoriland sollte man auf Maori essen. Maori
Kochkunst hatten Clara und ich schon vor etlichen Jahren kennengelernt.
Damals waren wir in der Nähe von Wellington bei einem Hangi, einem
Gemeinschaftsessen, eingeladen - in einer Gegend, wo viele Maori und
eingewanderte Südseeinsulaner wohnen.
„Ich
erinnere mich daran,“ bemerkte Clara. Auch ich sehe noch die Szene vor mir:
Auf
dem weiträumigen unscheinbaren Grundstück saß eines der hier üblichen
ebenerdigen Häuser, zurückversetzt von der Straße, bescheiden. Kinder tollten, einige Männer und Frauen standen in der
frischen Luft des späten Nachmittags vor dem Hauseingang, Biergläser in den Händen.
Auf dem Rasen warteten ein paar Tische mit Tellern und Eßbesteck.
Ein Maori betätigte sich hinten im Garten, der in einem grasbewachsenen
Abhang endete. Dort wuchsen große
Bäume, von deren klobigen Ästen grobe Taue mit Knoten herabhingen; auf denen
schaukelten Kinder. Bei dem Mann
rauchte ein Erdhaufen. Ein Junge
schwang sich bis in die Nähe der Aufgrabung und fragte: "Wird's bald
gar?" Der Mann schob wortlos einiges Erdreich und dürres Blattwerk weg,
bis ein paar Steine zu sehen waren. Vorsichtig
rollte er diese zur Seite; sie waren nämlich sehr heiß.
Unter ihnen lagen in Flachs- und Krautblätter gehüllte Pakete mit
unseren Hauptspeisen: Huhn, Kürbis, sowie Süßkartoffel, Kumara genannt. Wir
sahen in einen traditionellen Umu, einen Erdofen hinein.
Der
Maori hatte eine Grube gegraben, darin einen Scheiterhaufen gebaut, Steine
darauf gelegt und Feuer gemacht. Wenn
nur mehr glühende Asche unter den Steinen liegt, werden die Eßbündel auf
diese gelegt, mit einer Lage Laubwerk bedeckt, mit Wasser übergossen und mit
Steinen beschwert. Der Ofen wird
dann mit Erde zugeschaufelt und sich selbst überlassen.
Fleisch und Gemüse backen wunderschön durch und bekommen einen milden,
würzigen Geschmack. Das Mahl hatte
uns damals sehr gut geschmeckt!
Zurueck zu: Rotorua
"Heute
führe ich Dich zu einem Hangi im Rotorua International aus," lachte Clara
und öffnete die Wagentüre, "komm steig ein; daß ich das Auto fahre, gehört
auch dazu!" Es war mein
Namenstag. Täglich gibt es in
Rotorua in Hotels und auf Marae solche Hangi, zusammen mit Maoritänzen und -gesängen,
der vielen Touristen wegen.
Im
Innenhof des Hotel International stand ein Maori und sprach, erklärte.
Um ihn schwirrten wie Stechmücken amerikanische, japanische und
australische Touristen mit ihren Photoapparaten.
Der Maori hatte einen wunderschönen Federmantel um seine Schultern
geschlungen; blauschwarze, rötliche, weiße und grünschillernde Federn
einheimischer Vögel fügten sich zu einem Muster zusammen.
Ins Gesicht gemalt hatte der Mann Ornamente im Stil echter Tätowierungen
und in seinem Haar steckte eine Feder. In
der Hand hielt er einen Zeremonialspeer, einen Taiaha, dessen geschnitzte Spitze
mit einem Kranz rötlicher Kakafedern und einem Büschel Hundehaar umringt war.
Zeichen stolzer Tradition! Doch
hinter dem Mann schob sich eine Betonwand mit darin eingelassenen Fenstern in
den Himmel. Verlassene Strecksessel
standen um das Schwimmbecken, in dessen Nähe Dampf durch eine Steinpyramide
wallte. Ein Erdofen war diese
nicht, doch sind die Rotoruamaori durch ihre thermale Umgebung verwöhnt und
ziehen es vor, ihre Hangi in heißen Quellen zu kochen - oder zwischen Steinen,
die von brühheißem Wasserdampf erhitzt werden.
Also war die Art des Kochens im International nicht zu sehr durch das
wirtschaftliche und hygienische Denken der Betriebsleitung verfälscht.
Auf
eine majestätische Handbewegung des Maori drehte ein Angestellter einen Hahn
zu, worauf der Dampf versiegte. Dann
wurde ein Teil der Steinpyramide abgebaut und Drahtkörbe mit Säcken darinnen
kamen zum Vorschein. "Die Säcke
sind aus neuseeländischem Flachs gewoben," erklärte der Maori, "in
ihnen stecken die Speisen, in eine Lage Krautblätter gehüllt".
Aufgeregt
zwängte sich später die bunte Masse der Hungrigen in den Speisesaal.
Auf einer langen Tafel war eine solche Fülle von Leckerbissen aufgebaut,
daß wir sofort mit Verzagen feststellten, wir würden von allem nicht einmal
kosten können. Doch bevorzugten
wir althergebrachte Maorigerichte: Muscheln wie Austern und Paua, Fisch wie
Terakihi und Hai, feingliedriges Seetanggemüse, Krebse.
Dazu Maoribrot gebacken aus Sauerteig, aber ohne Zusätze, fast salzlos.
Eine Spezialität waren Titi, im englischen Sprachgebrauch "Lammvögel".
Diese haben einen seltsamen, leicht tranigen Geschmack und enthalten so
viel Fett, daß sie in früheren Zeiten als Lampen verwendet wurden - mit einem
Docht versehen! Fleisch gab es vom
Wildschwein, dazu Gemüse wie Silberbeete, den einheimischen Salat Puha, Kürbis,
Kumara. Da lagen auch die üblichen
Lammstelzen, eine wuchtige Schinkenkeule, Rindfleisch in Soße, Hühnerbiegel,
Kartoffel, Mais, viele verschiedene Salatgerichte.
Zum Trinken bestellten wir uns aus Kiwifrüchten gegorenen Wein, ein
Erzeugnis Neuseelands, das immer beliebter wird.
Bei
weitem nicht alle Speisen waren also aus der voreuropäischen Zeit und dem
modernen europäischen Gaumen waren viele Zugeständnisse gemacht worden.
Doch verurteile ich das nicht. Die
Maori der heutigen Zeit essen kaum anders als ihre europäischen Landsleute und
Folklore kann nur überleben, indem sie sich an die jeweiligen Gebräuche anpaßt.
Etwas vom Geiste der Vergangenheit bleibt und belebt die veränderten
Formen in einer sachten, fast rührenden Art.
Das wird auch von kulturell puristisch eingestellten ausländischen
Besuchern geschätzt - solange das Gebotene nicht mit zu großem Geschrei und
Pomp zu Markt getragen wird.
Bei
Tisch saßen wir einer jungen australischen Mutter gegenüber, die sich
vergebens bemühte, ihre zwei Sprößlinge vor dem Versauen ihrer Umgebung mit Eßresten
abzuhalten. Neben uns speiste ein
amerikanisches Ehepaar, denen der Abend sichtlich Spaß machte und die alles
Gebotene wohlwollend betrachteten. Noch
während Kellner eifrig die Tische abdeckten, trat eine hübsche Maoriansagerin
in traditioneller Tracht auf die Tanzfläche und begann: "Meine Damen und
Herren... Haere mai! Willkommen in Aotearoa, dem Land der "langen weißen
Wolke" wie Neuseeland in unserer Sprache heißt...."
Zurueck zu: Rotorua
Auch
die Maoritänze und -gesänge haben sich verändert und werden, dem modernen
Geschmack entsprechend, in Revueform geboten, mit Scheinwerfereffekten und im
Dunkeln phosphoreszierenden Gegenständen und Kleidungsstücken.
Maorimädchen mit vollen Formen und schöner brauner Haut tänzelten auf
bloßen Füßen herein. Kein Wunder, daß manche Matrosen in den Zeiten vor der
Missionierung Neuseelands nicht mehr zu ihren Schiffen zurückfanden und sich
von ihren braunen Schönheiten verstecken ließen. Nach langen frauenlosen Monaten auf See kamen ihnen die
neuseeländischen Mädchen wie vom Himmel gesandt vor. Diese waren damals noch gewöhnt, ebenso wie die Männer mit
nacktem Oberkörper umherzulaufen und waren so weiblich und mütterlich wie auch
heute noch. Erst von den
Missionaren erfuhren sie, daß ihre vollen Brüste zu sinnlich und zu frech
seien und daß es sich für Christen gezieme, sie zu umhüllen.
Sonderbar, heute ziehen sich die Europäerinnen eher aus als die
Maorifrauen!
Die
Tänzerinnen von heute haben immer noch nackte Schultern und Arme, tragen aber
um den Busen färbige, mit geometrischen Ornamenten rundum verzierte Leibchen.
Als Schurz über den dunkelfarbigen Unterröckchen verwenden sie, wie übrigens
auch die Männer, den Piupiu:- von einem geflochtenen Gürtel hängen Ketten
gemusterter Flachsröllchen, die beim Tanzen die Schenkel freigeben.
Um ihr meist schwarzes Kopfhaar schlingen die Mädchen ornamentierte
Stirnbänder, in die sie Federn stecken.
Hinter
den Mädchen liefen die Männer herein, nackt bis auf schwarze Unterhöschen
unter den Piupiu. Um die Gäste gebührend
zu beeindrucken, wählt man Tänzer von athletischem Bau und mit der Fähigkeit,
furchterregende Fratzen zu ziehen. Zur
Begleitung von Gitarren und kräftigen, rhythmischen Rufen der Männer begannen
die Mädchen zu singen, melodiöse Lieder in ihrer Sprache. Beim Singen spielten die anmutigen Bewegungen der Arme und
Finger und die rhythmischen Drehungen der Körper eine ebensogroße Rolle wie
die Stimme. Später untermalten die Frauen ihren Gesang mit kunstvollen Kreisen
der Poi, Quasten, die an Schnüren geschwungen werden. Immer rascher wurden die Schwingungen der Poi, immer
komplizierter, bis der Eindruck eines harmonisch bewegten Genetzes entstand, das
vor den Figuren der Tanzenden sanft atmete.
Die
Männer sprangen dann zum Haka, dem Kriegstanz hervor, stampften im Takt und
klatschten immer wieder auf ihre Brust, mit wilden grobgesungenen Schreien, mit
drohend verzerrten Gesichtern, aus denen die weit herausgestreckten Zungen
frenetisch zuckten. So machte man
sich selbst vor dem Gefecht Mut und versuchte dem Gegner panisches Entsetzen
einzujagen. Die Aufführungen
endeten stimmungsvoll, versöhnlich. Tänzer
und Tänzerinnen zogen mehr oder minder freiwillige Opfer aus der
Zuschauerschaft auf die Tanzfläche zum Mittun und zuletzt hielten wir einander
alle an den Händen und sangen ein Abschiedslied.
Vergeßt einander nicht, vergeßt uns nicht und bewahrt Aotearoa ein
gutes Andenken. "Haere ra! Lebt wohl!"
Zurueck zu: Rotorua
Ein
Guß kalten Morgenregens über dem Aquatic Centre trommelte eine kurze Weile
aufs Wasser, das meinen Körper warm umschmiegte.
Das "aquatische Zentrum", das 50 m lange Freibad der Stadt
Rotoua, ist geothermisch geheizt. Bereits
von eine paar Längen schnellen Schwimmens war mir warm geworden, weil die
Wassertemperatur auf 30º C stand. Ich
richtete mich auf und fühlte die kühle regenschwangere Luft fast angenehm auf
meiner Haut. Schwere Wolken hingen
vom Himmel und verhüllten fast vollständig die Höhen, mit denen der
Staatsforst von Whakarewarewa beginnt. Dort
hatten wir vorgehabt, heute zu wandern. Mit einem Male schossen Sonnenstrahlen aus der brodelnden
Wolkenmasse, die sich stellenweise öffnete und schloß.
Ein Regenbogen sprang über das Land.
Die grauen Hüllen schoben
sich von den Waldrücken und es sah so aus, als ob der Regen der Sonne weichen
wollte. Hierzulande verändert sich
das Wetter sehr rasch.
Eine
Stunde später standen wir im Hochwald. Die
ebenmäßigen rotbraunen Stämme der hohen Bäume erhoben sich wie mächtige
Pfeiler und ihre Würde und Kraft, ihre Ruhe und Stille brachten uns den
Seelenfrieden einer gotischen Kathedrale. Für
mich bedeutete die Begegnung mit den roten Riesen ein Wiedersehen mit alten
Bekannten. Vor etlichen Jahren
hatte ich die Rothölzer in den kalifornischen Bergen und Küstenstreifen das
erste Mal kennengelernt. Dort wie
hier waren die Bäume Vertreter der Gattung Sequoia.
"Von
Kalifornien sind die Bäume auch hergekommen," erzählte uns der Ranger im
Informationszentrum, das die Forstverwaltung im Stile einer Jagdhütte in den
Rotholzhain hineingesetzt hat. "Die
ersten dieser Bäume sind 1901 gepflanzt worden.
Die höchsten sind nun 60 Meter hoch und haben Durchmesser von fast zwei
Metern. Der Rotholzbestand zieht
sich über ein Gebiet von sechs Hektaren, am Fußende der Hügel, wo der Boden
am besten, der Humus am tiefsten ist."
Die
Forstverwaltung von Rotorua betreut, alles in allem, mehr als 700 tausend Hektar
einheimischen Wald und dazu 400 tausend Hektar exotischen Nadelwald.
Die Rothölzer sind dabei eine Rarität, ebenso die nordamerikanischen
Douglastannen der Gattung Pseudotsuga, die auch im Whakarewarewa Forstpark
wachsen. Der weitaus häufigste
Baum ausländischer Herkunft ist eine Föhre, die in ihrer Heimat ein
Aschenputteldasein führt. Es ist
die Art Pinus radiata von der kalifornischen Halbinsel Monterey und einigen
vorgelagerten Inseln. Dort überlebt
dieser Baum nur in ein paar Gegenden und steht unter Naturschutz.
Niemandem würde es dort einfallen, die Bäume zu fällen und aus ihnen
Bauholz zu machen.
Niemand
weiß auch, wie diese Bäume nach Neuseeland kamen. Doch gediehen die Pflanzungen auf den eher unfruchtbaren Böden
vulkanischer Asche der Gegend von Rotorua und Taupo und brachten fast
unglaublichen wirtschaftlichen Erfolg. Sie
erlauben Neuseeland bis zu zehnmal so viel Bauholz pro Hektar zu produzieren als
Skandinavien oder Kanada.
Wir
stiegen aus den Tiefen des Hochwaldes einen Steig hinauf bis zu einer Forststraße,
die uns gelegentliche Ausblicke auf die Stadt erlaubte, wenn auch noch immer
Nebelschwaden durch die Baumwipfel zogen und freche Regenschauer im funkelnden
Sonnenschein auf uns herunterprasselten - flüssige Sonnenstrahlen nennt man sie
bei uns scherzhaft. Wir waren lange
gewandert ohne jemanden zu treffen, bis uns ein Läufer entgegensprang, nasse
Haare im geröteten Gesicht, tief atmend. Er
lachte uns zu, während er an uns vorbeieilte und sein an der Haut klebendes
Leibchen verriet das Spiel seiner Muskeln.
Erst seit 1975 besteht der Wald von Whakarewarewa als Forstpark und ist
damit als Erholungsgebiet allgemein zugänglich gemacht worden.
Zum Unterschied von den oft weglosen einheimischen Wäldern gibt es hier
zahlreiche markierte Pfade und Straßen.
Eine
Markierung führte hinauf zu der Stelle des Tokorangi Pa, einer einstigen
Wehrsiedlung der Maori an der Spitze eines steilen pyramidenförmigen Hügels.
"Viel Platz haben die Leute hier ja nicht gehabt," meinte ich,
als Clara versuchte, die Vergangenheit zu rekonstruieren.
Wir konnten noch die ringförmigen Terrassen erkennen, die die
Verteidiger um die Hügelspitze gegraben hatten. Jetzt fehlten natürlich die hölzernen
Palisaden. Die Plattform, die den Hügel krönte, war nur wenige Meter im
Durchmesser, aber vielleicht hatten die Behausungen auch auf ebenen Stellen
darunter Platz gefunden?
Wir
sahen über die bewaldeten Hügel und Täler, hinunter auf die Straße, die zum
“blauen” und "grünen" See und dann weiter, zu Te Wairoa, dem
"begrabenen Dorf" führt. Jenseits
der Straße begann Weideland, doch nach allen anderen Richtungen streckten sich
Föhrenwälder, die erst bei den beiden Seen auf einheimischen Wald stoßen.
Zwischen Rotorua und Taupo stehen die größten angepflanzten Wälder
Neuseelands. Wälder der
kalifornischen Föhre.
Zurueck zu: Rotorua
Sträucher
und Bäume zwischen unserem Weg und dem Ufer des "Blauen Sees" raubten
uns meistens den Ausblick. An einer
Stelle aber brauchten wir nur ein kurzes Stück zur funkelnden Wasserfläche
hinuntersteigen. Am Ende eines
vorspringenden Baumstammes saß dort ein Fischer so still, daß wir ihn erst
nach einigen Sekunden bemerkten. Es
war ein Maori in Gummistiefeln, Jeans, einem abgetragenen Pullover und mit einer
Mütze auf seinem ergrauenden Haar.
"Wie
geht's?" fragte ich. "Nicht
besonders gut heute," antwortete der Alte und wiegte seinen Kopf.
"Solange Sie nicht ein Ungeheuer, ein Taniwha, aus der Tiefe holen,
ist's ja gut," scherzte ich. Der
Mann schwieg eine kleine Weile und bemerkte dann:
"Da hat's in den alten Zeiten wirklich einmal eines gegeben!" Er kicherte ein wenig und fügte achselzuckend dazu:
"Unsere Leute reden manchmal davon." Und dann erzählte er die
Geschichte.
Diese
fing harmlos genug an. Das Taniwha
hieß Kataore und war noch jung, klein und schmeichelhaft gewesen, als ein Häuptling
dieser Gegend es zu sich nahm als wäre es ein Schoßhündchen.
Das war eine kleine Sensation, denn ein Haus-taniwha hatte noch niemand
gehabt. Im Gegenteil, die Gegend
von Rotorua war bereits an mehreren Stellen von einigen bestialischen Ungeheuern
heimgesucht worden. Kataore aber erschien freundlich und lebte zudem an der
Westseite des Sees, vielleicht gar nicht weit weg von dem Ort, wo wir jetzt saßen,
während der Verkehr zwischen Te Wairoa und Rotorua der Ostseite des Sees
entlang ging. Das ist auch heute
noch so, nur daß eine Autostraße den ehemaligen Fußpfad ersetzt hat.
Nach
und nach wuchs Kataore zu einem grossen Taniwha und zeigte sich nicht mehr so
sanft und liebenswürdig wie früher. Da
begannen sich die Leute der Gegend Sorgen zu machen. Immer wieder passierte es, daß einsame Wanderer auf
geheimnisvolle Weise verschwanden. Wenn
Kataore dabei geblieben wäre, immer nur einzelne Personen zu überfallen, sonst
aber weiterhin scheinheilige Unschuld geheuchelt hätte, ja wer weiß, wie lange
es noch sein Unwesen hätte treiben können!
Doch machte es einen großen Fehler, als es den jungen Leib einer
hochgeborenen Häuptlingstochter begehrte.
Diese war mit ihrem Gefolge auf dem Wege zu ihrem Bräutigam Reretoi, dem
tapferen Stammesführer von Ohinemutu am Rotorua See.
Wie
immer wand sich Kataore fast lautlos durch den Wald bis zum Fußpfad, den so
hohe Bäume überragten, daß nur gedämpftes grünes Licht durch die Wipfel
flackerte. Mit einem Mal erstarb
alles Vogelsingen in eisiger Totenstille. Kataore
warf sich auf die kleine Gruppe, um zuerst in rascher Folge die Köpfe aller
Gefolgsleute in seinem gewaltigen Rachen verschwinden zu lassen.
Doch so blitzschnell Kataore auch zuschnappte, einige Begleiter entkamen
und überbrachten aschgrau und am ganzen Körper zitternd die Kunde von dem
grausigen Ereignis. Reretoi eilte
sofort mit seinen tüchtigsten Kriegern zu der Unglücksstelle, fand aber weder
eine Spur seiner Braut, noch irgend eine Andeutung von dem, was das unglückliche
Mädchen vor seinem Tode erleben hatte müssen.
Kataores
Schicksal war aber nun besiegelt, denn Reretoi versammelte nicht nur 140
furchtlose Krieger, sondern erbat sich auch die Hilfe des Taniwhatöters Pikata,
der den Schlachtplan ausarbeitete. "Ein
Taniwhatöter?" unterbrach ich hier die Geschichte, "das erinnert mich
an die Drachentöter europäischer Sagen!"
Der Mann öffnete seinen zahnlückigen Mund zu einem breiten Grinsen und
setzte die Erzählung fort.
Vor
Morgengrauen umgaben die Rächer die Höhle, wo Kataore sein Lager hatte und die
Tohunga, die Medizinmänner, begannen Gesänge, die sich bewährt hatten, um die
Sinne von Taniwha einzulullen. Damit
konnten Reretoi und Pikata in die Höhle schleichen. Sie tasteten sich vorwärts in die Richtung, aus der sie
Kataores tiefes Atmen hörten. Als
sich ihre Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten, sahen sie zwei große runde
Lichter, die wie Grünstein glühten: Kataores Augen.
Angstschauer jagten Reretoi und Pikata über den Rücken, doch legten sie
ganz sachte die Schlinge eines aus Flachs geflochtenen Taues um Kataores Hals.
Das Tau führte aus der Höhle hinaus bis zu einigen wuchtigen Bäumen.
Leichtfüßig sprangen dann die Helden aus der Höhle, wobei sie die
Schlinge zuzogen. Die Männer draußen
führten das Tau um mehrere Baumstämme und zogen mit aller Kraft.
Da
erwachte das Ungeheuer zu seiner vollen Wut.
Seine fürchterlichen hornigen Stacheln stellten sich auf, der schuppige
Leib schwoll an und der mörderische Schwanz drosch den Boden.
Dazu röhrte das Ungeheuer, daß sogar den furchtlosesten Kriegern das
Blut in den Adern frieren wollte. Der
Kraft von 140 starken Männern und der Stärke des Taues war aber Kataore nicht
gewachsen. Langsam verebbte die Wucht seiner Bewegungen und die Krieger
konnten näher kommen, um es mit ihren Keulen zu schlagen und ihre Speere in
seinen Leib zu bohren. Dann rissen
sie mit ihren scharfen Steinmessern die hornige Haut auf, um das Fleisch in Stücken
herauszuschälen. Das Herz bekamen
die Tohunga, die es auf dem Landrücken zwischen dem blauen und grünen See
brieten und zeremoniell verzehrten - zur Stärkung ihrer medizinischen Fähigkeiten.
Zurueck zu: Rotorua
An
der Straße von Rotorua nach Taupo sitzt ein klotziger Berg, umrandet von
niedrigem Wald, mit schroffen, färbig geschichteten Wänden: der "Rainbow
Mountain". Immer wieder zog
der Berg Clara an, wenn wir vorbeifuhren, bis wir beschlossen, ihn zu besteigen.
Das sollte aber nicht einfach sein.
Ein
Pfad führt von der Straße zunächst zu einer Stelle, wo die Bergwände gerade
in einen Kessel abstürzen. Dort
ist der Erdboden eingebrochen und in heißem Wasser ertrunken.
Die Kesselwände haben sich mit dunkelroten Flechten bekleidet und
undurchsichtig, fast schleimig, legt sich das grünliche Wasser in weißen Rändern
um den Kesselboden. Es riecht nach
Schwefel. Der Pfad teilt sich und führt
von dem heißen See nach beiden Seiten fort, um den Berg.
Irgendwo, irgendwann soll es einen Zugang zum Gipfel geben.
Der Gipfel selbst ist eindeutig gekennzeichnet: dort steht ein
Aussichtsturm der Forstverwaltung zur Feuerwache.
Wir
liefen den Pfad nordwärts, stiegen, kletterten, kamen an kahlen Stellen vorbei,
durch Gebüsch, an gelb-orange-rostroten Wänden vorbei.
Doch dann mußten wir den Pfad wieder bergab folgen, durch Wald.
Und weiter gings, bergauf, berab. Und
weg vom Berg! Es war ein heißer
Tag. "Der Weg führt um den
Berg herum, nicht hinauf!" rief Clara mit rotem Gesicht, empört. Es ist nichts weniger ermutigend als dem Ziel nicht näherzukommen.
"Dort
wo der Pfad hoch hinaufsteigt, habe ich einen steilen Abstecher zum Gipfel
gesehen," meinte sie dann keuchend. Da
gingen wir zurück, um die Stelle zu suchen.
An
der höchsten Stelle des Pfades zwängten wir uns durchs Gestrüpp hinaus auf
die fast unbewachsene steile Bergflanke. Ich
stieg voraus. Da war kein Weg, aber
es gab auch keine besonderen Hindernisse. Die
Sonne prallte auf den weißgelben, griesigen Boden, der die Hitze zurückspiegelte
und dessen kugelige Körner dem Tritt wenig Haftung erlaubten.
Es war fast Mittag und die Luft war still.
Die Landschaft war tot. Vor
mir schlummerte der halbverborgene Gipfel.
Da reckte sich auf einmal, wie aus dem Boden gestampft, eine Erscheinung
auf, ein Wesen, das die Sonne verdunkelte und die Seele des Berges zu verkörpern
schien - mit überwältigender Kraft und Würde.
Es bedurfte keiner Augen oder Arme, um mich in Bann zu halten.
Ganz von selbst füllten sich meine Gliedmaßen mit flüßigem Blei und
langsam, fast unmerklich langsam, kam ich zum Stillstand, begann mit dem Boden
zu verschmelzen - und die Zeit schien stille zu stehen.
Da
hörte ich ein Klingen, das immer lauter wurde, ein Klingen wie aus einem
Tunnel, dessen Öffnung mir zugewandt war.
Das Klingen wurde fortwährend deutlicher und begann Form anzunehmen,
wurde ein Klang und der Klang ein Wort: “Jo’!” Und wieder “Jo’!”
Da zerbrach der Zauber, meine Glieder lösten sich, der Berggeist
verschwand im Sonnenlicht und ich taumelte den Berg hinab, in Claras Arme.
Gemeinsam stiegen wir ab und drehten uns nicht mehr um, bis wir den kühlen
Buschpfad erreicht hatten. Der Berg
hatte uns nicht geduldet.
Zurueck zu: Rotorua
Am
fortgeschrittenen Nachmittag sucht der Ausflügler in Europa meistens eine
Jausenstation, ein Kaffeehaus oder einen Gasthof. Der Neuseeländer breitet immer noch gerne eine Decke auf und
greift nach der Thermosflasche. Wir
wollten mit Stil Jause essen. Ich
stellte unseren Klapptisch am Seeufer auf, im Windschutz einiger Sträucher und
weit genug vom vorwärtskriechenden Schatten einer bewaldeten Bodenerhebung.
Clara deckte den Tisch und bereitete Kaffee, dazu braunes Brot mit Erdnußbutter
und Honig. Das war ein
Nachmittagsimbiß, den wir immer sehr gemütlich fanden und auf den wir uns
freuten.
Da
stand also unser Tisch auf grasbewachsenem Sand, schräg angestrahlt vom
Sonnengold. Dahinter leckten Wellen
den Strand und der See dehnte sich weit zwischen busch- und baumbewachsenen
Ufern. Es war ein unwirkliches
Bild: in einer Landschaft ohne sichtbare Zeichen menschlicher Besiedlung ein
gedeckter Tisch, dessen weißes Tuch leicht im Winde flatterte.
Der
See Rotoehu ist ebenso wie der benachbarte Rotoiti langgestreckt und weist zur
nahen Küste. Hongi Hika hatte
seine Boote auf seinem berühmten Kriegszug mehr rudern können als tragen müssen.
Wir waren an einem Seewinkel am Westende des Sees und sahen der Länge
nach über die Wasserfläche zum fernen Ostufer.
Dort drüben wollten wir noch vor der Rückkehr nach Rotorua in einem
warmen Weiher baden.
Wenn
die Dunkelheit sich über sommerliche Wiesen und Weiden ausbreitet, dann steigt
aus ihnen ein feuchtkühler aromatischer Erdgeruch, vermischt mit Duft von
geschnittenem Gras. Manchmal
dunstet von der Erde aufgespeicherte Wärme in die Abendluft. Über dem Warmwasserteich 'Soda Springs' liegt immer eine
Dunstglocke, die sich am Abend verdichtet.
Die weichen Graspolster der umliegenden Wiesen neigen sich in das Wasser,
das solange klar ist, als man nicht hineinwatet.
Nichts ist an diesem Badeplatz künstlich außer einigen Stufen zum
Wasser. Heute ist auch die schäbige, von den Maorieigentümern errichtete
Umkleidebude bereits verschwunden.
Damals
warfen wir zwei Münzen in einen grob gekennzeichneten Schlitz der Budenwand.
Um
die Bezahlung des kleinen “Erhaltungsbeitrages” wurde nur gebeten.
Meistens war ja auch niemand da, um sparsame Badende an ihre Pflicht zu
erinnern. Das Wasser des Weihers
war bereits dunkel und die Stille der kleinen Senke wurde vom leichten Rauschen
des Baches und von den Abendlauten aus Wiese und Wald unterstrichen.
Im Wasser saß ein alter Mann mit einem Hut auf dem Kopf und einer Pfeife
im Mund und fühlte sich augenscheinlich sehr wohl.
“Das ist der schönste Platz zum Baden,”sagte er knarrig, die Lippen
halb geschlossen, um die Pfeife nicht zu verlieren, “der schönste Platz - wo
man seinen Frieden hat - und meinen Gelenken tut das Wasser auch gut.”
Als
wir uns niedersetzten, reichte uns das Wasser gerade bis zum Hals.
In dem Maße wie die Wärme langsam durch unsere Glieder flutete, lösten
sich diese nach und nach, während Abendluft unsere Köpfe kühlte.
Langsam, unmerklich, wurde der Himmel finsterblau, die Sterne begannen zu
funkeln und der Mond entwand sich dem sachten Griff einer Hügelkuppe.
Zurueck zu: Rotorua
Es
war schon Nacht als wir den Heimweg begannen.
Die Straße nach Rotorua führt den Rotoehu See entlang und über
“Hongis Pfad” zum Rotoiti- und zum Rotorua See.
Als Hongi Hika dieser Route folgte, war das ein langes Unternehmen durch
Wildnis gewesen, für unser Auto auf der modernen Straße bedeutete es nur eine
Fahrstunde. Auf
“Hongis Pfad”, etwa in der Mitte zwischen Rotoehu und Rotoiti,
hielten wir an. Da steht am Straßenrande
ein uralter hoher Baum. Vor
vierhundert Jahren soll die Stammesfürstin Hinehopu ihn gepflanzt haben, um die
Stelle zu kennzeichnen, wo sie ihren Ehegatten getroffen hatte.
Sie muß ihren Mann sehr geliebt haben und die Ehe muß glücklich
geblieben sein, denn ausgerissen hat sie den Baum nicht mehr.
Daß der Baum so alt ist wie die Legende sagt, wäre durchaus möglich;
manche der einheimischen Bäume leben schon seit tausend Jahren.
Durch
die Jahrhunderte hat der “heilige Baum von Hinehopu” immer mehr an Ehrfurcht
gewonnen. Der Reisende soll dort
haltmachen, ein paar achtungsvolle Worte an den Baum richten und eine kleine
pflanzliche Opfergabe am Grunde seines Stammes lassen, um alle bösen Geister
vom Rest der Reise fernzuhalten. Wir
sahen an dem mächtigen Stamm hoch bis zum Wipfel, der den Sternenglanz des
Nachthimmels auslöschte und Clara legte einen Farnwedel auf einen breiten
Wurzelansatz. Dann kam sie zu mir,
stellte sich leicht auf ihre Zehenspitzen, gab mir einen sachten Kuß auf meine
Wange und sagte: “Das soll uns auf der Weiterreise durch unsere Ehe vor allem
Bösen schützen.”
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